Aktuelle Ausgabe: Jahrgang 61, Nr. 35, 04. September 2010
Düsteres Kriegs-Puzzle aus Afghanistan
92000 Geheimberichte im Internet– Hilft Pakistan den Taliban? – Immer mehr Sprengfallen
Washington/Kabul – Dass sich die Sicherheitslage im nordafghanischen Operationsgebiet der Bundeswehr verschlechtert hat, ist keine neue Erkenntnis. Auch nicht, dass die Amerikaner mit unbemannten Flugzeugen – sogenannten Drohnen – und Kommandotrupps systematisch Jagd auf Taliban- und Al-Kaida-Terroristen machen. Trotzdem sind die fast 92000 geheimen Berichte von eher rangniedrigen US-Soldaten oder Nachrichtendienstlern, die jetzt über die Internet-Enthüllungsseite wikileaks.org jedem neugierigen Leser als „Afghanisches Kriegstagebuch 2004-2009“ zugänglich gemacht wurden, aufschlussreich. Zusammen betrachtet liefern die vielen Einzelmeldungen ein düsteres Bild von der Situation in Afghanistan und eben doch manch bislang unbekanntes Detail.
Regelrecht brisant sind fast 200 Meldungen, die berichten, dass Pakistans Geheimdienst ISI die Taliban routinemäßig mit Geld, Waffen, Selbstmordrekruten und Beratung unterstützt. Regierung und Militärführung in Islamabad müssen davon wissen: Generalstabschef Kayani war früher ISI-Chef. Washington weiß natürlich seit Beginn des Krieges in Afghanistan, dass Islamabad nur zögernd gegen die Taliban kämpft, die ein Geschöpf eben des pakistanischen Geheimdienstes sind. Aber weil die USA Pakistan am Hindukusch brauchen, hat die Regierung halbwegs verdrängt, dass womöglich Pakistaner schuld sind am Tod von unzähligen US-Soldaten. Das ist jetzt nicht mehr möglich.
Auch Teheran unterstützt die Taliban mit Helfern, Sprengstoff und Geld. Offenbar mit iranischem Geld hat Al-Kaida in Nordkorea Flugabwehrraketen gekauft. Mit einer Lenkrakete haben Taliban einen US-Hubschrauber abgeschossen.
Ein erschreckendes Bild zeichnen die Wikileak-Berichte von der afghanischen Polizei. Kommandeure und Polizisten sind korrupt bis auf die Knochen und schießen auch schon mal auf afghanische Soldaten. Kein Wunder, dass die Bevölkerung sie und die Regierung in Kabul regelrecht hasst.
Von Opfern der Zivilbevölkerung durch Nato-Einsätze wird oft berichtet. Aber wohl schlimmer leiden die Afghanen unter Selbstmordangriffen und improvisierten Bomben der Taliban: Allein im August 2009 kamen 429 afghanische Zivilisten durch Taliban-Bomben ums Leben. Und die Bomben werden immer mehr: Im Jahr 2004 legten die Taliban 308 Sprengfallen, 2009 waren es 7155 – in fünf Jahren insgesamt über 16000.
Heinrich Maetzke




